Der Volltreffer von Eppendorf

Liebeserklärung an eine Kneipe

Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Eine schrecklich nette Familie: Tina und ihr Bruder Harald leben die Schramme. (Foto: Frank Dietz)

Irgendwann ging es mir richtig dreckig. Man kennt das ja, das Glas ist dann halb leer. Die Welt ist schlecht und dir geht es noch viel schlechter. Ich suchte Liebe, Respekt, Geborgenheit, mindestens. Nie hätte ich gedacht, dass ich das alles in einer Kneipe finden würde.

Die Kneipe steht in Hamburg. Im Schrammsweg 10, in Eppendorf. Das ist ein Stadtteil für ziemlich feine Pinkel. Sie gehen gern bei Starköchen essen, direkt um die Ecke bei Poletto zum Beispiel. Kaufen Mäntel für fünftausend Euro oder fahren ihren Minicooper spazieren, während der Mops von innen an die Scheiben sabbert. Für so einen Loser, wie ich es zu der Zeit war, haben diese Leute nicht mal Verachtung über. Dafür legt keiner seine Vogue weg.

Ich trat einfach mal ein, in die Schramme. Von außen ist das Haus rotblau gestrichen. Es soll Reisebusse geben, die sich nur für diesen Anblick durch die enge Straße quetschen. Draußen standen Korbstühle von Ikea, wacklige, schwarze Tische aus Presspappe. Sie fielen fast auseinander, wenn man sie nur anschaute. Es herrschte der nette Charme von Vergänglichkeit, mitten im Mai warb eine Tafel für Glühwein. Ich merkte gleich, dass man sich hier nicht so wichtig nimmt. Dass ganz andere Dinge zählen.

Drinnen traf ich Maik. Einen gebildeten, jungen Mann, der mir hinter dem Tresen die Welt erklärte. Nach einigen Minuten waren wir beim kategorischen Imperativ. Er arbeitete für seinen Onkel Harald und goss mir äußerst großzügig ein. Äußerste Großzügigkeit ist das Konzept dieser Kneipe, die ihr sicher kein Finanzamt glaubt. Erdnussschalen lagen auf dem Boden, es knackte beim Gehen. Überall kitschiger Kult. Neben der Theke prangte ein Schild, Schluck, du Luder las ich. Die Wände waren knallrot lackiert, HSV-Schals mit Nägeln eingeschlagen, auf dem Pissoir durfte ich Plastikbälle ins Tor pullern. Schlagartig ging es mir besser.

 

Das Bild von einer Kneipe: Schon früher herrschte phobischer Schwankschwindel. (Foto: Frank Dietz)

Auch Maiks Schwester lernte ich kennen. Chrissy war wirbelig, klug, hatte alles im Griff. Du konntest dein Glas gar nicht schnell genug austrinken, bevor ein neues vor dir stand. Eigentlich wurde der ganze Laden von einer einzigen Familie geschmissen, im gegenseitigen Vertrauen. Etwas später sah ich Tina, die Mutter der beiden. Ich liebte ihre Art zu gehen, ihre Stimme, die Gespräche mit ihr. Sie hatte nach zwölf Jahren bei einem Fernsehsender aufgehört. Konnte die aufgesetzte Wichtigkeit der Menschen nicht mehr ertragen. Jetzt war alles so herrlich normal, keine Angeber mehr, die im Job Gott spielen wollen.

In der Kneipe behandelt sie jeden gleich. Den Millionär, der sein Spielgeld lustlos ins Groschengrab versenkt. Die chronisch klammen Schüler, die sich hinten in der Lümmelecke den ganzen Abend an einem Bier festhalten. Leute, die es lustig finden, ihre Rolex ins volle Weizenglas zu schmeißen. Tina hatte für jeden einen Spruch, kümmerte sich, wo sie nur konnte. Sie war die gute Seele der Kneipe, es hatte mich gleich erwischt. Sie steckte in der Scheidung, ich steckte in der Scheidung. Heute leben wir glücklich zusammen.

Tinas Bruder Harald übernahm die Kneipe vor über zehn Jahren. Damals lief sie sehr schlecht. Nur wenige Gäste verloren sich hier im Sommermärchen, als ganz Deutschland besoffen durch den Fußballrausch taumelte. Am Tresen musste man sich entschuldigen, wenn einer was bestellen wollte. Irgendwann wurde sogar der Besitzer ermordet. Seine Freundin rammte ihm ein Messer in den Bauch. Er fuhr noch Auto, bevor er in einer Hauseinfahrt starb. Es wurde Zeit für einen wie Harald.

Die Stammgäste freuten sich, als er kam. Erst rümpften sie die Nase, was will denn der vom Niederrhein? Aber dann merkten sie, er ist einer von uns. Einer, der nicht mit abgespreiztem Finger am Piccolo nippt. Er redete sofort klare Kante. Ehrlich, laut, eben normal. Kein schwurbeliges Wortgeklingel wie in den blasierten Weinbars, ein paar Meter die Straße runter. Harald hat für jeden offene Arme. Oder einen Wodka, ganz wie der Abend so wird.

 

Na, Mädels, wisst ihr eigentlich, was Abseits ist? Mann, Alter, geh weiter! (Foto: Frank Dietz)

Ich liebe es, mit ihm zu reden. Über Fußball, Nordkorea, den Neid unserer Gesellschaft. Harald weiß zu allem was zu sagen, zu hartnäckigen Flatulenzen oder dem Scheißspiel des Stürmers. Janz ejal, wie der gemeine Niederrheiner sagt. Er hat mal Medizin studiert, kann noch sternocleidomastoideus unfallfrei aufsagen, und überhaupt: Der Dienst am Menschen? In der Schramme gibt es den auch. Harald kümmert sich rührend um seine Gäste, er schüttet ihnen nicht bloß einen ein. Einmal verschluckte jemand eine Erdnuss, da rief er: Ich kann einen Luftröhrenschnitt, und kehrte grinsend mit einem scharfen Messer aus der Küche zurück. Der Schnaps kreiste lange damals.

Die Schramme ist glaubwürdig, authentisch, sie hat eine ehrliche Haltung. Wie die Leute, die dort arbeiten. Alex singt wie ein junger Gott und träumt davon, ein Rockstar zu werden. Pomi und Sofia machen die beste Currywurst mit Pommes der Welt. Nico ist ein Tresenmann, flink, höflich, dem keiner was vormacht. Anne ist schlagfertig wie ein rhetorischer Dampfhammer, und niemand wirft die Eiswürfel so elegant ins Glas wie Reiner. Sinah ist Journalistin, Lis wird Zahnärztin, Annie arbeitet im Marketing und Silas steht bald als Lehrer vor der Klasse. Ana studiert soziale Arbeit, Torben Psychologie. Beide können nachts um drei in der Schramme die besten Studien über menschliche Abgründe machen. Phobischer Schwankschwindel, und so.

Sie alle leben diese Kneipe, kommen selbst in der Freizeit vorbei, wachen über ihren offenen, anständigen Stil. Für mich lächeln sie mit dem Herzen, aufrichtig, zwanglos, der Baseballschläger steht nur für Notfälle im Kellereingang. Wer über Ausländer lästert, fliegt im hohen Bogen raus. Wer doofe Witze über den HSV und FC St. Pauli macht, darf trotzdem bleiben. Gründe dafür gäbe es ja mehr als genug.


In der Tiefe des Raums: Sach mal, Harald, zeigst du heute Konferenz? (Foto: Frank Dietz)

Harald liebt den Sport. Er war ein erfolgreicher Leichtathlet und regt sich heute noch darüber auf, dass Hamburg gegen Olympia stimmte. Doch seine größte Liebe gehört der Borussia. Er kommt aus Mönchengladbach, liest zuhause auf dem Klo den Kicker. Dort hängen Bilder von Spielern wie Kalle del Haye, die heute keiner mehr kennt. Seit Harald die Schramme leitet, ist sie zu einer der beliebtesten Fußballkneipen der Stadt geworden. Die Schramme hat einen Fernsehapparat über der Theke und weiter hinten zwei Großleinwände, was Hamburgs Fußball gerade auch nicht besser macht. Wenn im Sommer große Turniere sind, stellt Harald draußen eine riesige Mattscheibe auf einen Stapel mit alten Bäckerkisten, die mühevoll von Spanngurten gehalten werden. Es geht locker zu, nicht nur bei den Gästen der Schramme. Oft fließen über tausend Liter Bier in der Woche.

Manchmal fordert Haralds Liebe zur Borussia alles von ihm. Da kriegt er auch als Chef der Schramme nichts geschenkt, wenn am Samstag zur gleichen Zeit der HSV spielt. Dann hockt er mit dem Laptop auf der Terrasse seiner eigenen Kneipe, zieht sich eine Kippe nach der anderen rein, schimpft, jubelt und springt so plötzlich auf, dass sein Computer fast vom Tisch fällt. Oh, Fußballgötter! Was für ein Bild!

Harald guckt im Rausch des schwachen Wlans auf die zwölf Zoll seines flimmernden Klappkastens, während drinnen halb Hamburg auf drei Meter breiten Leinwänden dabei zusieht, wie ihre Mannschaft immer weiter in den Abstieg torkelt. Lasogga, du Pfeife, dringt da zu ihm heraus, den macht ja meine Oma rein! Und der Boss bei jedem Wetter draußen. Haralds Handy wiehert, wenn ein Tor für Gladbach fällt. Gladbach wie Fohlen, ist doch klar. Ich sitze gern neben ihm, wir verehren denselben Verein.

Zwischendurch klingelt es. Vatter ist dran. Vatter aus Mönchengladbach, er heißt auch Harald, ist 82 und liegt dabei auf der Couch. Was er eigentlich meistens macht. Na Vatter, watt meinste, fragt sein Sohn, der Strobl? Muss doch raus, der alte Sack. Und Vatter gibt ihm recht. Viermal im Jahr kommt er nach Hamburg, bringt kiloweise Blutwurst und Schwarzbrot mit. Sitzt dann mit Schlägermütze in der Kneipe, spricht über Fußball, Familie und Geld. Er war früher ein knallharter Geschäftsmann, einer nannte ihn mal den Paten vom Niederrhein. Lott jon ist sein Lieblingsspruch.

 

Lasogga, du Armleuchter! Hamburgs Fußball kann auch leise leiden. (Foto: Frank Dietz)

Die Schramme lebt von Geschichten, sie ist nach über 40 Jahren selbst ein Teil von ihnen. Auch dafür liebe ich sie, in jeder Ecke riechst du Vergangenheit. Es ist wie stille Post, weil manche Geschichten immer anders erzählt werden.

Also dann: Götz George saß knurrig an Tisch 400, H.P. Baxxter mit bizarrem Blondchen an der 100. Harry Rowohlt genehmigte sich nach genialem Dichten zwei bis fünf Humpen. Roger Willemsen traf sich ganz hinten im Raum mit einem Kollegen, um über das harmonische Zweikampfverhalten von Toni Kroos zu diskutieren. Die Schöneberger ist mal nach ihrer Talkshow reingeschneit, nett, unkompliziert, nie zickig, und wunderbar ist auch diese Geschichte: Schlagersänger Silbereisen sitzt angeblich mit seiner Entourage in der Sofaecke, natürlich erkennt ihn keiner. Es ist Samstag, kurz vor halb vier, eine heilige Zeit in der Schramme. Jetzt mach mal hinne, sagen ein paar Stammgäste, die sich vor seinem Platz aufbauen, weil sie beim Fußball immer da sitzen. Der gute Florian steht brav auf, zahlt und geht. Star zu sein kann man sich hier abschminken.

 

Alles im grünen Bereich: Koch Pomi macht die besten Pommes der Welt. (Foto: Frank Dietz)

Eine Liebeserklärung an die Schramme kann nicht ohne Gerd enden. Gerd wohnt um die Ecke, er ist Friseur, man ruft ihn Figaro. Früher hatte er seinen Laden direkt neben der Kneipe, seit vierzig Jahren geht er in sein Wohnzimmer, wie er es nennt. Sein Vater Anton war Weltmeister im Haareschneiden, Gerd ist jetzt 76 und hat sich verdammt gut gehalten. Damals stand ein Friseurstuhl neben der Theke, na ja, zwischendurch gab es oft ein Bierchen, aber die Hand durfte nicht zittern.

Mann, war das lustig, sagt Gerd. Der Wirt hieß Dieter, trank gern mal einen mit, und nachts hingen noch die Einkaufstüten seiner Gäste am Haken. Man spielte dann Schildkröte. Jeder musste mit den Händen auf dem Rücken über den Tresen kriechen und mit dem Mund Salatblätter aufpicken. Als der Schnaps nur so strömte, setzte sich Gerd in Neoprenanzug, Taucherbrille und Schwimmflossen mit dem Hintern zuerst ins Spülbecken der Zapfanlage. Danach ging es feucht weiter.

Mit Gerd sitze ich oft an der 400, Fußball gucken. Wenn der Tisch wackelt, klemmen wir Bierdeckel drunter. Er wackelt eigentlich immer, mehr noch als sein HSV. Aber mein Glas ist jetzt halb voll, ach was, ganz voll, wenn ich Tina sehe.

 

Ey, den haut doch meine Oma rein! Beim Fußball hört der Spaß endgültig auf. (Foto: Frank Dietz)


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